(c)Matthias Holtmann
(c)Matthias Holtmann

Sabine Scho, Ochtrup * 1970, lives in Berlin and São Paulo. Almost all of her texts work within the cross-section of photography and image. Two books of poetry have been published: Album (first publication Europa Verlag, Hamburg / Vienna, 2001, reprinted by kookbooks, Berlin, 2008) and Colors by kookbooks, Berlin 2008, as well as a reformulation of Adelbert Chamisso´s Frauen Liebe und -leben, hochroth Press, Berlin 2010. She also translated poems from English by Karen Solie and Judith Beveridge, from French by Denise Desautels, and recently from Brazilian Portuguese by Ricardo Domeneck. In the fall of 2013, the publication Tiere in Architektur will be published, texts and photos by kookbooks. Most recently, she was awarded the Schiller Foundation´s 2012 Anke Bennholdt-Thomsen price. In addition, she received the Leonce and Lena Price, prizes for literature by the GWK, the NRW Scholarship and the residential scholarship at Villa Aurora, Los Angeles.

Old Los Angeles Zoo

Keep out and keep your hands off – das Revier im Rücken steht noch alles
bevor, was vergangen.
Ein Picknick am Valentinstag im vorläufigen Paradies und vergiss nicht, wie
man ganz verschwindet, vielleicht in einem Bärengelass mit fest installiertem
Grill. Schieb die Finger in den Rost, ist er kühl? Glühst du noch, Jimbo? „It’s just
the age when nothing fits.“
It’s shrinkin time again, kidz. „You wanna see a monkey“ or something
else? On Sunset Boulevard, where Miss Desmond waits?
Drive by Bates Motel or a Wedding Chapel.

Die Kragenweiten gestärkt, bellt „Nothing but the dog in me“. Don’t worry,
it’s not East L. A. Rotten, Rudel haben den Ort längst verlassen, an Bänken und
Tischen ist nicht zu rücken, die Séance vorbei, das zweite Gesicht ein Silent Movie
Gestell – Raum für Projektionen.

Von allen guten Geistern macht sich immer nur einer zum Affen, und einer
fährt auf endlos langen Straßen, bis sie dann doch plötzlich enden, nein, nicht
plötzlich, ihr wusstet bereits beim Starten vom Sturz, und dass man euch kriegt,
dass einer sich stellt, dass einer stirbt, das wusstet ihr auch. Ihr wollt nicht in den
Zoo zurück.
Keine Sorge, man sperrt euch nicht weg, man weiß, ihr wisst genau, ihr
habt schon Pläne für ein schönes Gehege, weit draußen, innen geräumig, für die
Flucht einen Trail vor der Tür, ihr richtet euch ein, zum Glück.

Über Gitter redet man nicht, man wohnt voll verglast und hat Sicht auf den
Pool, eine Hollywoodschaukel im Garten, die Sünden der Stadt arretiert in
Downtowns Kabinett, where JESUS SAVES als Erlöser der Primaten – ein
‚soul-saving business’ im Stahlskelett.
On „the flip side of Paradise“ hat man aus Gottes Schulheft die Blockschrift
aufs Dach montiert, den Himmel liniert, präpariert für ein Glaubenspensum
vereinigter Jünger, United Artists, but don’t forget: „There’s always a better Show
at Loew’s State“:

„Tarzan the Ape Man tops Trader Horn for thrills.“
Das „Alphabet der Gesten“ noch nicht durchbuchstabiert, rutschen die ersten
Worte heraus: „Ich Tarzan, du Jane“!
Man weiß nicht recht, wo man hingehört. „Won’t you follow me down to the
Rose Parade?“ To the Old Los Angeles Zoo, where the sleeping beauty waits?
Where a mockingbird sings East of Eden?

High drop out rates, teenage pregnancy, child abuse and neglect, Suburbias
Pubertät, public enemies, „cops grill a suspect“ or perhaps a lost sheep at a
BBQ in Watts.

Have you ever heard such fairytales? Are you afraid of the big bad wolf?
Wasn’t it you who wanted a Zoo without bars? Wasn’t it you who said: It’s true
anyway, reality bites?
Cypress Hill, Highland Park, Los Angeles northeast, although these enclosures
are no longer appropriate for L. A.’s beasts, they can be the grave for
their next funeral feast.
„Good fences do make good neighbours, you know.“ Or was it the other
way round?

Respektiere den Zaun im Weichbild, hart an der Grenze, caution loose
gravel, du verlierst sonst den Halt, haftest für entstandene Schäden, die keine
Versicherung zahlt, im Einzugsgebiet der Lost Animals.

Flüchtige Tiere verblüffen durch Verschlagenheit, glaub doch nicht sie
ließen sich locken, streicheln, erziehen, dass ihnen was fehlt, das dir mangelt.
Sie sind nicht von hier, kommen auf- und ablandig, markieren den
Zoobezirk, ihren Turf, aus Plato’s Pausenraum hört man sie schnaufen, invisible
creatures. Watchmen from Hell.

Sie skizzieren Schatten, die sie nicht werfen, suchen ihre Tierkreiszeichen
nicht weit vom Observatorium. Stargazers, bis an die Zähne bewaffnet, lost in
space. Ihr Schibboleth, das Brummen eines aufgebundenen Bären, das Quietschen
von Reifen, die sich von Rollsplitt nähren, ein roter Mustang, der immer die
Kurve kriegt.

Lascaux liegt in L. A., du musst nur aussteigen, um das zu begreifen, und
dass die Chiffren verlassener Höhlen was bedeuten.
Guess what? Mr Psycho bombed this place.

Otter im Eimer

Diese Fellchen kann kein Weber wirken, Haar um Haar vertäute Garne, die
sich zippergleich verzahnen. Kein zweiter Pelz so dicht und heute kaum mehr zu
bezahlen. Hier in den Speiskübel verladen. Oder einfach zwei Otter, die sich nun
eingefunden haben zu einem stillen Komplott und dann zusammen eingeschlafen
waren über den Plänen von regennasseren Tagen, einer Idee von Spülung,
Unterhöhlung, Strömung und fortgetragen werden.

Erst Tropfen, dann Rinnsal, anschwellende Schauer, gurgelnde Urstromkehlen
strudeln die Wasser hinab bis ans Kap der guten Hoffnung. Zu viele
endeten hier als Wrack, vor den Küsten ebenso wie in der Stadt. The Town, a Ship,
a drunken Boat, Schwarzbrenner und Rednecks to reload.

Zwei Ozeane zum Sinken. Lasst mich zum Schlafen hier im herben Liebesrausche.
Blauweinflecken auf den Lippen. Die Freiheit, den Rausch zu verkosten,
oder an ihm zu nippen wie an einem kostbaren Gift, das Hugenotten herbrachten
als Shiraz, man kann alles mischen, nicht nur den Wein verschneiden.

Warum alles meiden, wozu die ganzen Verbote? Ich kenne nicht eine Note
vom Trinklied vom Jammer der Erde, nur den Text als Bethges Übersetzung einer
altchinesischen Weise, und wie Otter ihn singt in einem samtblauen Kleid: Wüst
liegen die Gemächer meiner Seele // Dunkel ist das Leben, ist der Tod! Wo bleibt
die Zeit? Hat sich nicht gestern erst alles verschoben? Ungelogen: Ich kenn den
Sog der Strudel und den Strom der Nacht.

Ich schiebe mich leise über die Klippen, ein Shark Spotter hisst eine
schwarze Fahne: poor spotting conditions. Noah hat uns so ausgebootet, wir
haben ab jetzt nur uns, aber was heißt schon ‚nur’, warum sich nicht stur
aufeinander besinnen und sich im Bestimmungsbuch für absolute Unentbehrlichkeiten
prominent aufführen lassen, als kleine ineinander verwobene Rasse,
statt seine Autonomie zu preisen, schöner ist es doch, zu zweit zu verreisen, und
gemeinsam irgendwo zu stranden.

Vielleicht wird uns einst ein Maurer finden, als gute Fugenmasse für ein
Weltgebäude samt Verblendung quellen wir wie Moose aus schottischen Ruinen,
die Touristen in gelben Pelerinen umstehen, und hoffen, der Regen würde endlich
nachzulassen beginnen, und wie sie nicht wissen werden, dass wir, die Otter, das
Moosfell in den Ritzen, den Regen rufen und sehnen, uns zu beschützen, wie wir
dann folgsam wie kleine Mädchen unsere Häupter unter ihn beugen, wie unter
niederprasselnde Zinken eines sehr großen Kamms, so in etwa kann man bei
Benjamin lesen, und wie er vorm Zwinger des Fischotters stand um
neunzehnhundert als Berliner Kind.

Man ist blind für verwunschene Orte, die durch Verstrichenes in die Zukunft
sehen. Nass in nass gleich invertierten chinesischen Zeichen schwimmen wir in
tuschschwarzen Teichen, Otter aus Grasschrift, wie Chinesen kalligrafische
Schnellschriften bezeichnen, die kaum noch Lesbarkeit erreichen und ganz im Bild
aufgehen. Wir schreiben den Text in die Tiefe eines durchlässigen Elements und
verwischen beim Schreiben bereits jede Spur, womit lässt sich das noch
vergleichen? Mit der Tanzsprache der Insekten? Oder den Händen eines Präfekten,
die er in Unschuld wäscht?
Den Anfang von etwas wiederfinden, das man nicht selbst begann, gibt es
nicht aussichtreichere Fron?

Mit dem Rücken zur Zukunft von gestern herübergespült, aber, was heißt
das schon: man könne nicht zwei Mal in den selben Fluss eintauchen, fließt das
Gedächtnis nicht gegen den Strom, wie Lachse zum Laichen?

Sich an irgendetwas halten, das bleibt ein Traum von zwei Ottern im Eimer,
vermahlen zu samtweichem Opus Caementitium. Verbindungen, die eine halbe
Ewigkeit gestalten, die Kuppel des Pantheons oder das Kolosseum in Rom.
Gehetzte Tiere, Christen, Gladiatoren im Showdown, Quo Vadis hieß mit dem
Sandalenfilm gehen.

Die Fossilien dieses Jahrhunderts wird man einst in Beton wiederfinden,
Trittsiegel, Tasthaare und eine kleine Pfote, Schwimmhäute zwischen den Zehen.

são paulo stauraum

1
eu voce
edifício courbet, o realismo
desconhecido, uma vista,
querido, posso falar, eu nao -
nunca vi um lugar como este aqui

2
die stadt ist der stau
raum, vertikal verräumte
viten, schmucklose karyatiden
halten das flugblatt aus wolken
und blau, schau, dann lern fliegen
ich hab mich verschrieben

3
dem leben auf wänden,
wir werden nicht aufhören
von künstlichen felsen zu senden
den aufrechten gang in den lenden
so beginnen metropole legenden

4
vom aufstieg und fall der mestizen
mulatten, caboclos, cafusos
mit nichts in den händen als verbotene
frucht, so süß wie die eintropfenregel
mit ihr stieg der pegel der dunkelen seite
und schwärzte den weißesten

5
tiger an, der beifang des pixadors
moderner runenmann, verschriftet
die restbestände, ein gestreifter
überhang, zu fürchtendes gelände
am draht, unter strom, hier gibts kein
hinein und mit bedauern im ton

6
muss man sagen, hier kein hinaus
freiheit für wilde tiere sähe hüben
wie drüben wohl anders aus
der bambus schneidet mir die hände
ich verschwende meine zeit, so ganz
ohne anlauf, doch sprungbereit

7
wie buddha im lotussitz
die kurve jetzt großzügig schneiden
du weißt, dieses leben ist leiden
benimmst dich wie angespitzt
magst nirgends auf dauer bleiben
auch wenn sich die bahnen
alles in allem kaum unterscheiden

8
hinter diesen fenstern hat man
nicht richthofens umgebracht
die emotionale kälte, die härte
des falls, die eigenen eltern
das soziale gefälle, die nichte
des roten barons, die blutige tat
sie sagt: „er war wie gott für mich“

9
die glocken kommen vom band
am rand lässt sich dieses bild
erwerben, der glaube hält sich
im rahmen, man kreist um einen
parkplatz am bordstein, der bringt
selbsternannten vigilanten im schnitt
zwei reais, bei fußball steigt der preis
und wird vorher entrichtet

10
aufs auto hätte man gerne verzichtet
doch ohne die krücke im kampf
um vorfahrt und lücke
bewegt sich hier niemand vom fleck
es sei denn, er kümmert sich um den
dreck der anderen, studiert, oder lebt
am fluss, dann nimmt er motorrad
oder den bus

11
ich lebe auf vorrat, mit dem bike
bis interlagos, dahinter ist schluss
tartan für velos und wasserschweine
die sau von paul, senna stieg hier ’91
als sieger aus seinem boliden, im cockpit
hört man minutenlang schreie
den pokal kriegt er kaum gestemmt
in diesen ausguss nur einmal steigen
sag, bist du total beschränkt?

12
kühe zur selbstversorgung und einen
den man den ihren nennt, der meister
des aquaplanings, ich weiß, dass mich
hier keiner kennt, es ist alles möglich
auf- oder untertauchen, die milch in
der frühe trinken oder am abend
ein sparringpartner, irgendjemand
mit dem man unter der brücke pennt

13
lichtblenden fehlen auf zwei stock
welchen, hab’ ich vergessen
wohnmaschinen fanden weder
le corbusier noch niemeyer vermessen
die kurve im copan folgte früher dem
straßenbild, halb so wild, die straße
folgt jetzt ihren eigenen gesetzen

14
ich will ja nicht petzen
aber frösche, die man an
die wand geworfen, bleiben
frösche, die verläßlichste form
sich zu vernetzen, ist der verzicht
auf transsubstantiation, die quappe
wird frosch, aber das war es dann schon

15
und fischen wachsen keine beine
ganz von alleine gehen die hier nicht weg
das aquarium erfüllt einen anderen zweck
neulinge lass erst in plastiktüten
die hüten vor kannibalismus
praça roosevelt, vorsicht vor blüten

16
es fehlt nicht an gelb, die freiheit
heißt liberdade und feiert sakura
ich les’ meine bücher von hinten
und ließ mich gern finden
als peixe rosa, eingerollt
in ein algenblatt

17
an meiner statt will sich ein krake
entwinden, acht arme zur abwehr
oder wen ganz an sich binden
das ist nicht entschieden, dieser zählt
nur sieben, hausdrachen wachen
drinnen

18
so wenig erdverbunden wie
ein fliehender baum
wagt man sich über die ränder
verlegt seine wurzeln in andere
länder und glaubt es sich kaum

19
in träumen zieh’ ich oft um
man verlangt dann papiere
ich lehne am fenster und
denk’, ich steh schmiere
für jeden tag, der sampa erhellt
man hat mich vergessen
zum dämmern bestellt und
nicht abgeholt, warte ich bis
die nacht einfällt

20
die nadel im leuchthaufen
gibt mir peilung, funken und
türmen nach gaußscher verteilung
die stadt ist mein schauraum
ich pendel mich ein, pedaliere
verfolge den schwefeltyrann
damit ich einmal sagen kann
ich war nie hier, und, ich kehre
nicht wieder, ein unsteter geist
beherrscht meine glieder
ich knie vor ihm nieder und bete
lass mich nie heimisch sein