(c)Ken Yamamoto
(c)Ken Yamamoto

Josephine Berkholz was born in 1994 in Durham, North Carolina and grew up in Central Franconia and Berlin. She writes since she has been able to hold a pen. Since the age of 14 mainly poetry and spoken word poetry. She celebrated one of her greatest achievements during the German Poetry Slam Championship of 2010, where she came in second place during the finals. Her debut came during the literary competition “lyrix”, where she collaborated with other young writers for the first time. Participating in other successful youth competitions lead her to the “meeting of young writers”, the “Lyrix competitions” of the following years and the “Theo price” for young literature. Since 2010 she has been conducting poetry slam workshops for young people. Among other things she has performed as a slam poet and lyricist for the Goethe Institut, The Deutschland Radio and ZDF Kultur. As of October 2013, she has been studying literary writing at the German Literature Institute in Leipzig.

Nur ein bisschen bitte

Lass uns in einer Hafenspelunke treffen.
Rum trinken, nach Salz riechen,
den ganzen Scheiß.
Die Autos, die Zivilisation
das ganze verfickte 21. Jahrhundert wegsaufen
bis da wirklich
nur noch das Brechen der Wellen ist gegen die zitternde haut
gegen die bretterverschlagwand dieses lochs
dieser letzten bastion

das Radio mit einem Pistolenschuss sprengen
Seemannsballaden anstimmen aus rostigen Kehlen
lass nur ein bisschen
ein bisschen so tun bitte
(um den nächsten Tag würfeln
ums nächste Ziel )
um ein Segel zum Setzen unsere anständigkeit verraten

lass nur ein bisschen so tun und dann bin ich ja still
dann bin ich auch
glücklich, versprochen und das ist dann okay
dann nehm ich mit dir ein Taxi nachhause
schalte zum Schlafen den Fernseher ein
beruhige mich simultan mit dem Sturm und um
die Strömungen, mach dir mal keine Sorgen
mein Schatz die wirklich gefährlichen
sind unter den Kämmen der Wellen die kann man nicht sehen

Ich möchte, dass du endlich schreist.

Ich will, dass du dir die Haut von den Fingerkuppen schälst, um dir die Nerven
aufzureiben,
ich will den Wahn in deinen Augen sehen, die Ekstase, den Rausch, den Exzess.
Ich will dass du ehrlich bist.
Von für und wieder gefickt, immer höflich auf deinem Bremskabel, wiederholst du
dir dein Mantra:
Es ist was es ist was es ist was es ist was es ist was es ist was es ist was es ist
was es ist
keine Liebe, MINDFUCK! - sagt der herausgenommene Blinddarm.
Und ich will wissen, wann du blutest.
Ich möchte wissen, wann du brennst.
du dich im Taumel der Sekunde so ganz in den Moment verfängst
Wann du vor Herzschlag nicht mehr atmen kannst
und jede Nervenzelle explodiert
Wie du so ganz und gar am Limit Kontrolle und verstand verlierst
Den Körper schweißgebadet und die Stimme überdreht
Die Stimmung heiß-entartet, und gebend was noch geht
Ich will dich tanzend, taumelnd, taktlos sehen,
Die Welt im weißen deiner Augen reflektiert.
Ich will ein Statement von dir hören, ich will
dass endlich, endlich irgendwas passiert.

So stehen wir einander gegenüber.
Und ich weiß nicht, was ich noch sagen soll, weil mein Toben und Wüten an
deinem Doktor Best gebleichten Zahnschmelz abprallt,
du machst mich hilflos.
Perfekt programmiert bis aufs letzte Detail weichgezeichnet und zeitlos designt
Deine Lippen verzwickt zum perfekten Gesicht stehst du schicklich und innerlich
blickdicht vor mir.
Explodierst nicht bist schier unerreichbar ungreifbar, vielleicht da dein Leben in
ebenen Wegen vergeht. Mag sein dass dein Streben nach nehmen und geben
dich trägt, doch du scheinst mir so weit ich das weiß wenig wirklich, ich seh
ncihts was dich trägt, und dein Lächeln verbirgt dich.
Du schluckst so schön.
Den Druck verhöhnt stehst du und lächelst und nickst.
Und ich glaube auch wenn du erstickst dann tust du es noch kontrolliert und mit
Stil
Du trägst eine Menge, erträgst viel zu viel, ich werfe mit Steinchen
Damit du reagierst und nichts explodiert
Nichts – nichts explodiert nichts.nichts. xplodiert nichts
Explodiert.

Und dann denke ich mir – es müsste dir doch irgendwo weh tun.
Du bist doch ein Mensch.
Irgendwo unter deiner Selbstbeherrschung
Muss sich ein Nervenkostüm doch abgetragen haben, da muss doch irgendwas
sein, du musst doch irgendwo leben du bist doch in Mensch.
-
Du bist das Ethiklehrbuch Miteinander statt gegeneinander - Klasse 8 mit einem
Herz für Tiere obendrauf.
Du warst Schülerlotse, Klassensprecher, trennst deinen Müll, dein Gesicht ist
symmetrisch,
Ich habe Angst vor dir.
Du kannst nicht mit feiern gehen weil du deine Zukunft noch vorbereiten musst.
Das hast du wirklich gesagt.
Durch Neuköln gehst du nachts nicht alleine und solltest du irgendwann vielleichzt
einmal groß werden –
Dann studierst du wahrscheinlich Jura, verdienst eine Menge Geld und wirst deine
Mutter. Und heiratest deinen Vater, super Ansatz.

Bitte sei gewaltbereit. Oder persönlichkeitsgestört oder von mir aus auch rechts,
aber sei irgendwas.
Lass mich sehen wer du bist, dann kann ich entscheiden ob wir uns hassen sollen
oder nicht.
Schau mir in die Augen und sag etwas, dass ich dir glaube
Gib mir bitte einmal das Gefühl, dass ich nicht durch dich hindurchgreifen kann
und verdammt, hör endlich auf zu lächeln!
Ich hab mich ausgeschrien und abgebrannt.
und du stehst schweigend neben mir und sagst - du respektierst meine Meinung.

Ich möchte, dass du endlich schreist.
Ich will dass du die Bremskabel durchtrennst und gegen die Wand rast,
ich will dass du nicht fragst, nicht lächelst, nicht nickst und nichts
herunterschluckst,
Ich will dass du wirklich bist.
Kein für und wieder mehr übrig,
wenn du mit geschlossenen Augen endlich klar siehst,
deine Konturen gezeichnet aus Narben und Lachfältchen, im intensivsten Moment
inbegriffen endlich aus der Reihe und ein Solo tanzt, den Blick hebst und da bist
dann
wenn du begreifbar vor mir stehst, und einen Schatten wirfst
dann können wir weiterreden.

Und Anna –
Fick dich.

traumstatisten

Wir sind die besten Träumer die es je gegeben hat,
Und die fatalst versagendsten Verwirklicher.
Denn alles was wir sein könnten
scheint übergroß und wirklicher
Als es jemals ein echtes Leben gab
Mit leidenschaftlich pochenden Gedanken
Und herz- und kopfverwirrt bis zur Unfassbarkeit
Schlägt unser Puls im Konjunktiv
Wir stehen am Takt der Zeit
Und weben uns den übergroßen Schatten unsrer selbst.

Mondüchstig und Schlaftrunken vergradwandern wir uns in unserer Fiktion
Wir sind zu gute Träumer. Immer schon. Bauen Wolkenparadiese in HD TV
(schärfer als die Realität), Luftschlossarchitekten mit der Welt in den Köpfen und
Tomaten auf den Augen,
Wir sind längst nicht erwachsen.
Tragen Milchbärte und Intimfrisuren und träumen Flugzeuge unter
Wellblechdächern, wir sollten einfach aufstehen. Kurz vor Mitternacht. Und auf
den rausschmeißerbeat neben der Dorfdisko beschließen die Welt zu retten, alle
für alle und jeder einander, uns jeden Tag aufs neue an unseren Plänen verheben
und rennen bis uns die Luft ausgeht.
Mit einem bisschen Ironie und understatement in den endorphinübersturzfluteten
Adern, sollten wir Aussichtsplatformen bauen und Unterseeboote, wir sind nicht
James Dean und jeder von uns hat bei Requiem for a Dream heimlich geweint
wegen einer Nebenfigur
wir sind naiv und haben Herzklopfen bis zum Bersten.
Im Schutz weißer Nächte mit funkelnden Augen, sammeln wir
Pusteblumensträuße, verliebt, vernarrt, verirrt in unserer Zeit, wir hassen
niemanden wirklich,
gehen morgens auf die Barrikaden und legen uns abends lächelnd Schlafen mit
Hösrpielkassetten und Plüschteddybären,
wir sind längst nicht erwachsen.
Aber Peter Pan wurde dement
und starb in einem Altersheim, dass nach Aspirin und Früchtetee roch, es fehlt
uns an Vorbildern.

Du bist ein bisschen zu gut um optimistisch zu sein
Und ein bisschen zu schlecht für eine bessere Idee
Wir träumen viel besser als jeder zuvor, aber ich habe es ernst gemeint in der
Stille bevor der erste angefangen hat zu lachen, mir jedes Wort unter die
Netzhaut tätowiert,
ich war niemals James Dean und hab heimlich geweint als Peter Pan mich nicht
mehr wiedererkannte.

Alles was wir wollen, ist in den Spiegel gucken, und finden, dass wir gut
aussehen.
Wir kämpfen gegen Hunger in Afrika, Krieg in Afghanistan, Polkappenschmelzen
am Nordpol, aber niemals für uns.
Du hast mir mal gesagt, du klammerst dich an Gedankenkonstrukte und
übergrelle Zukunftsmalerei,
und es funktioniert auch,
bis du dir den Schleudersitz zurück ins echte Leben wünschst,
und es keinen Boden mehr gibt, auf dem du landen kannst.
Du hast mir mal gesagt, dass du vor Spiegeln grundsätzlich die Augen verschließt
Weil du dich selbst längt viel zhu gut kennst um nochfasziniert zu sein, da sind
nur die Wunden Stellen, die hat man nie angefasst, aber das soll man auch nicht.

Taste dich ab ohne nach Sprengstoff zu suchen.
Schau in den Spiegel, rette dich mal selbst.
Warum retten wir uns nicht endlich mal selbst?

Wir sind naiv und haben Herzklopfen bis zum Bersten.
Wir sind unbedarft, heißblütig, und die Welt gehört uns.
Wir so stark, so schwach, so tapfer trotzig schüchtern
Wir sind so schön, so kantig halbperfekt, so sonnenbrandschattiert.

Mondsüchtig und schlaftrunken vergradwandern wir uns in unserer Fiktion
Mit leidenschaftlich pochenden Gedanken
Und herz- und Kopfverwirrt bis zur Unfassbarkeit
Schlägt unser Herz im Konjunktiv, wir stehen am Takt der Zeit
Und sind dabei schon längst,
ihr seid dabei schon längst soweit.