Joe "Madog" Bliese, born in Berlin in 1982, has been active in Berlin`s Hip Hop scene since 1999 along with his crew “Zeugen der Zeit”. In addition he has been known as a spoken word artist around town. Thanks to his stints in Paris and London he is familiar with local scenes and languages there as well. He has a degree in cultural studies and coordinates numerous “social” music projects for the Street Social Work organization Gangway e.V. In addition he has worked as booking as well as event manager. His repertoire also includes coaching and live rap performance training.

Misere

Ich kann nicht schreiben, wenn es mir gut geht. Nicht eine Zeile, kein einziges Wort, nix.
Ich werde nicht kreativ, wenn alles irgendwie in Ordnung, alles gut und ok ist. Drecks heile Welt. Es ist, als wär Drama das Benzin, das ich brauche, um überhaupt etwas zu tun. Die Misere ist meine große Liebe, meine einzige Muse. Küss mich, Bitch.
Aber sie ziert sich, Misere ist kein Mädchen für eine Nacht. Sie will die Eine sein, die Einzige. Ganz oder gar nicht.
Fick nicht mit ihr, sonst musst du sie heiraten. Ihr Treue schwören, sie lieben und ehren. Bis ans Ende der Welt. In schlechten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod euch scheidet.
Ich war früher schon 'ne ganze Zeit mit ihr zusammen. 4 glückliche Jahre voller Misere. Voller Geschreih, Scherben, weißen Linien, Fleischwunden, Krankheiten. Alles, was ich zum Schreiben brauchte. Stift, Papier und Misere. Sie war die Drama-Queen, die mich am Leben gehalten hat.
Beautiful Misere. Alles war perfekt. Und plötzlich kommt die süße Hoffnung um die Ecke. Man flirtet mit ihr. Trinkt zuviel. Heiße Nacht, kurzer Seitensprung. Mit breitem Grinsen. Typische Sommerromanze. Real Cheesy Shit. Und bevor du’s weißt, hast du mit dem Glück gefickt. Denn Glück und Hoffnung teilen dieselbe Pussy. So fresh and so clean.
Dann das bittere Erwachen am nächsten morgen, wenn du siehst, wer neben dir liegt. Und du beichtest alles. Hoffst, dass dadurch das Elend vielleicht wächst und Misere doch noch bei dir bleibt.
Aber sie geht. Misere verzeiht nicht, vergisst nicht. Misere verlässt dich. Einfach so.-
Und ich bin glücklich. So kann ich nicht arbeiten. Was soll dabei schon Gutes entstehen? Die Sonne durchleuchtet alle Schatten, in denen sich was Interessantes versteckt halten könnte. Weichgespülte Wellness-Scheiße. Wohlfühl-Lethargie. Den Gestank von klinisch hygienisch sauberem Linoleum in der Nase. Kein Dreck, kein Schweiß, kein Rauch, kein Schimmel. Essen zu gesund. Schlaf zu früh. Gedanken zu klar. Welt zu schön.--
Ich muss halbnackt auf kalten Kacheln liegen und winseln, nachdem ich mir beim Kotzen den vorderen linken Schneidezahn an der Schüssel ausgeschlagen habe. Dann kann ich schreiben.
Dann lebe ich. Im blauen Licht eines Krankenhaus-Korridors liegen, durch eine vergilbte Sauerstoffmaske atmen, während die Kochsalzlösung aus dem Tropf in meine verhärteten Adern schwemmt. Alle Tränen aus den Augenwinkeln drückt, bis nichts mehr da ist. Dann kann ich schreiben, denken, leben.
Ich will dich zurück, Misere. Lass mich wieder ziehen, bis mir Blut aus der Nase tropft, lass meine Netzhaut vom ewigen Wachsein brennen, Knochen stechen und Muskelstränge sich zusammen krampfen bis trockene, rissige Lippen stumme Hilfeschreie in die Atmosphäre pumpen.
Aber sie meldet sich nicht mehr. Kein Zeichen, kein Rückruf. Sie macht nicht einmal auf, wenn ich an ihre Tür klopfe. Und ich klopfe verdammt oft, jeden einzelnen Tag, bis meine Fingerknöchel wund sind. Fordere sie heraus. Steiger mich in Aggressionen rein, nehme alles grundsätzlich persönlich, setze mir unerreichbare Ziele, schenke mir zu Weihnachten eine Jahresration Selbstmitleid, packe sie aus und freue mich auch noch darüber. Aber sie lässt sich nicht blicken. Mir geht es immer noch blendend.
Ich steh allein vorm Badezimmerspiegel und geb mir selbst in die Fresse. Jab, Jab, Haken, Rechte. Irgendwie ist es nicht das gleiche, wenn man auf die Schläge vorbereitet ist. Mein Gesicht schwillt ein bisschen an, das linke Auge wird leicht hellblau. Das war's. Sonst nix. Es reicht noch nicht einmal, um dieses pervers zufriedene Grinsen aus meinem Gesicht zu vertreiben. Ich kann so nicht schreiben. Alles hört sich an, wie Postkarten an entfernte Verwandte, Kochbücher aus dem Brigitte-Verlag. Zu weich, zu unpersönlich, zu glatt, zu weit weg.
Man kann nix über Schlamm schreiben, wenn man sich nicht darin wälzt, ihn riecht, ihn schmeckt. Janet Jackson tanzt in Lederstiefeln durch meine rechte Gehirnhälfte. „You dont know what you got til ist gone“. Mhmm. Immernoch unerträglich gute Laune. Komplett grundlos. Erbärmliche Euphorie. Euphorie, die bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Schwester des Glücks. Schon fast obsessiv. Gnadenlos overdressed. Und ich vermisse die anmutige, elegante Misere, sehne mich nach ihrem Parfum.
Aber ich weiß, dass sie irgendwann zu mir zurück kommt. Eines Tages, wenn man es am wenigsten erwartet. Ich laufe dümmlich lächelnd über grüne Wiesen und kriege aus dem toten Winkel eine Klatsche, die mich nicht mehr aufstehen lässt, die alle vergessen geglaubten Schmerzen in Sekundenbruchteilen zurück bringt. Noch schwerer, härter und so lähmend wie nie zuvor. Und ich werde bei ihr bleiben, mit ihr alt werden, mit ihr leiden, mit ihr sterben. Dann kann ich endlich wieder schreiben.

Das Unschuldslamm

Komm, Baby, wir schlachten ein Unschuldslamm. Es ist Ostern und was haben wir bitteschön besseres zu tun? Wir müssen uns beeilen. Keine Ahnung, wie viele es von denen noch gibt. Ich hab irgendwo gelesen, dass sie vom Aussterben bedroht sind. Der WWF hat sie auf die rote Liste gesetzt. Das Problem sei, dass man Unschuldslämmer nicht züchten kann. Bei der Paarung geht die Unschuld verloren. Tierschützer fordern die unbefleckte Empfängnis für diese seltene Spezies. Schon bald gibt es wohl keine mehr. Aber noch können wir eins finden. Und wenn es das letzte seiner Art ist. Wir finden es, Baby. Wir schlachten das letzte Unschuldslamm. Die schmecken am besten, hab ich gehört. Wirklich. Eins, das mit nix als Liebe gefüttert wurde auf den grünen Wiesen der heilen Welt. Eins, bei dem die Wolle noch schneeweiß, der Blick noch voller kindlicher Hoffnung ist, bis man ihm die Kehle aufschneidet. Nicht irgendwie. Wir schlachten es nach allen Regeln der Kunst. Lassen es bis auf den letzten Tropfen Unschuld ausbluten. Das hat den großen Vorteil. Es gibt keine Stresshormone, die seine Unschuld trüben können. Keiner will diese ungepflegten Schuld-Hammel auf seinem Esstisch. Das Fleisch viel zu zäh und faserig, die Knochen morsch, die Haut zu schlaff und fleckig. Und mit jedem Bissen fühlt man sich schuldiger. Gibt es davon überhaupt eine Steigerung? Schuld, schuldiger, am schuldigsten. Egal. Bei uns wird es anders sein.
Wir werden es grillen am offenen Feuer. Ich mach die Marinade, du deckst schon mal den Tisch. Und ich werde großzügig sein. Du darfst das Filet haben, die Koteletts, was auch immer du willst. Hau rein. Ich gebe mich mit einem kleinen Stück Schulter zufrieden. Vielleicht hilft es ja. Bis jetzt ist es nur eine vage Hoffnung aber vielleicht ist es wahr?
Wird man selbst wieder unschuldig, wenn man Unschuldige isst? Wenigstens zum Teil? Ein kleines bisschen? Kriegt man den Dreck unter den Fingernägeln mit einem Spülgang seines Blutes wieder weg. Das Cilit Bang für alle 327 Arten von Schuld. Und mit einem Wisch ist die Weste wieder weiß?

Eine steinerne Frau mit verbundenen Augen und mit Schwert und Waage ausgerüstet steht neben mir und schüttelt traurig den Kopf. Halt's Maul, Justitia. Was weißt du schon? Die Göttin der Gerechtigkeit mit einer seit Jahrhunderten andauernden Strich-Erfahrung. Dienerin des Rechts mit Prostitutionshintergrund. Ich bin schuldig, ich weiß. Karma und so. What goes around comes around. Alles schon gehört.
Es ist wahrscheinlich gerecht, dass ich jeden Tag ihre Schwertspitze im Rücken spüre. Ein Schlag für jede Jugendsünde. Knochen, die in viel zu jungen Jahren schon brüchig sind, Atemnot und knackende Gelenke bei jeder kleinsten Bewegung, brennende Augen, halbtaube Ohren, Herzrasen, Flashbacks. Fick dich Justitia. Keiner mag Klugscheißer. Sicher hätte man es kommen sehen und es besser wissen können. Ich eben nicht. Ich krieg noch nicht einmal mildernde Umstände. Denn ich gestehe aber ich bereue nicht wirklich. Ich hab kein Problem damit. Stell mir noch so viele Fettnäpfchen hin, ich nehme gerne Anlauf und springe mit einer Arschbombe in jedes einzelne rein. So dass sogar Unbeteiligte ihr Fett weg kriegen. Man soll doch nichts unversucht lassen. Und was kann ich dafür, dass alles Schlechte sich so gut anfühlt. Und anfangs kam ja auch nur gutes dabei raus.
Wie bei Mescalin. Es hat einen kribbelnden Ameisenhaufen in meinem Hirn hinterlassen. Eine pulsierende Ameisen-Metropole in ihrer kulturellen Blüte. Mit florierendem Handel, bester Infrastruktur und einer kreativen Szene, um die sie die Welt beneidet. Exportweltmeister für Endorphin, Dopamin und Trampoline, für die Gedankensprünge. Eine unvergleichbare Film- und Musikindustrie, Thinktanks für Sex und Kommunikation. Nahezu perfekte Förderung und Bildung des Nachwuchses. Wiege der Ameisenheit. Mescalopolis.
Aber nach und nach sind die am besten ausgebildeten jungen Ameisen ausgewandert, ihr Glück an anderen Orten zu versuchen. Und langsam waren auch die Rohstoffvorkommen für Glücksgefühle erschöpft. Zeitweise wurden sie noch von außen importiert aber auch die Konjunkturprogramme in Pillenform konnten den Verfall der Industrie nur minimal herauszögern. So gingen Arbeitsplätze verloren, Ameisen wanderten aus und ganze Viertel standen leer. Die Einnahmen blieben aus und so blieb auch von der Kunst-Szene nichts übrig außer gelegentliche Malwettbewerbe im Altenheim. Eine ähnliche demografische Entwicklung wie in vielen sächsischen Dörfern. Eine strategisch wichtige Position hatte die Stadt sowieso nie. Keine Meerlage, keine bedeutenden Handelsrouten und schon gar keine Heilquellen. Heute ist die einstige Weltstadt verfallen und verlassen und nur manchmal krabbelt eine verirrte Ameise auf Reisen durch die öde Betonsteppe. Dann kribbelt es kurz leicht im Gehirn, weckt Erinnerungen an damals.
In meinem Augenwinkel erhebt sich ein steinerner Zeigefinger. Halt die Fresse, Justitia. Verlogener, blinder Samurai. Mit deiner Geschichte ist Seppuku deine einzige Chance auf einen würdevollen Abgang. Hure Justitia, ich werde nichts ändern. Im Gegenteil. Ich werde dir solange in die silberne Waagschale kacken, bis sogar du es riechen kannst. Augenbinde hin oder her.
Leih mir dein Schwert und ich filetier das Unschuldslamm mit präzisen liebevollen Schnitten. Du bist eingeladen. Keiner soll Hunger leiden. Nichts wird verschwendet. Wir verwerten alles. Bauch, Rücken, Schulter, Innereien und aus den Resten kochen wir eine Brühe. Füllen sie in durchsichtige Plastikbeutel mit Zip-Verschluss und frieren sie ein. Damit ein bisschen Unschuld erhalten bleibt. Für's nächste Mal.

Life is hard

Ich seh und hör alles, doch ich fühle keine Atmosphäre
Was gibt es angenehmeres als diese geistige Leere
Alles plattgewalzt, keiner nimmt mehr steinige Wege
Denn der Geist wird immer müder und das Fleisch ist zu träge
Reizüberflutung bringt die Zeit der Migräne
Tränensäcke produzieren keine einzige Träne
Fühl nix, absorbiere Schlagzeilen und gähne
Und leg mich wie ein Baby penn als ob es weiter nix wäre
Wir sind ein Heer gut dressierter Soldaten
Passive Roboter aus Fleisch, die auf den Niedergang warten
Trainierte Ja-Sager und degenerierte Primaten
Nur eine Herde von Schafen, die den Messias erwarten
Und es ist wahr, wir sind von blinder Wut gelenkt
Sauber manikürte Hände sind in Blut getränkt
Und auch ich bin so ein Einzeller, der zuviel denkt
Ein Haufen Asche, der nur leider keine Glut mehr fängt

Und wenn wir jeden Tag aufs neue das Erlebte vergessen
Weil wir nix besseres zu tun ham als die mägen zu mästen
mit vollem Bauch will man über die Probleme nicht sprechen
Bis wir wie billige Statisten ihren Regeln entsprechen
Die halbe Generation kann weder lesen noch rechnen
Solange es Google gibt, was soll man sich den Schädel zerbrechen
Solang wir Geld ham, wer wird sich dem System widersetzen
Menschen sind Aggregate aus Medien-geprägten Komplexen
Wir wissen alles im Alltagsleben Bequeme zu schätzen
Ein Volk von zugenähten Fressen und zu späten Reflexen
Suchen Erfüllung in ner Fabelwelt von leeren Exzessen
Zu paralisiert, um Hebel in Bewegung zu setzen
Unsere Kehlen bleiben stumm, die Herzen kühl
Betäubung lohnt sich, solang man keine Schmerzen fühlt
Wollen die Sicherheit und suchen in Kerkern Asyl
Wir alle ernten das Getreide für die Herren der Mühlen

Denn wir ham alle Appetit aber keiner hat Kohldampf
In Käfigen leben als Sklaven des eigenen Wohlstands